entzug

1 Machtlos

1.1

Am 18.5 fällt die Entscheidung, 28 Jahre Drogenkonsum zu beenden. Vorausgegangen war eine Gewaltexplosion gegen seine Frau mit anschließender Flucht auf das Boot. Der Gedanke:

Alles fängt wieder von vorne an

Die funktionelle Abhängigkeit, die nicht funktioniert. Die Fratze der Psychosen, Selbstmorde in seiner nächsten Umgebung. Die sadomasochistische Selbstmanipulation. Die ständige Suche nach Sinn im Leben durch die Drogen. Die Abgestumpftheit, die Unfähigkeit länger als eine Woche clean zu bleiben. Das sich belügen mit den tollsten Plänen für die Zukunft. Alle Verantwortung auf die anderen schieben. Das ekelerregende Selbstmitleid. Die darauf folgende Arroganz der Besserwisserei. Immer ICH, ICH, ICH. Konsumieren ist ein Ausdruck des Widerstandes, bunt und bewusstseinserweiternd. Bei den Pushern laufen ihm die jugendlichen Vollgestörten entgegen. Er selbst setzt nur Vollgestörte in die Welt. Ist selbst der Vollgestörteste aller Vollgestörten. Sein degeneriertes Hirn auf der Suche nach dem nächsten Kick, ein Impotenter mit dem Blick voller Verachtung, Gier und Neid. Das ist er, das ist Droge, eine Krankheit, eine Gewaltorgie gegen das Leben, ein Ausdruck des Hasses und der Gemeinheit. Betrug, Machtspiel, Irrsinn.

1.2

Das Baby schreit. Er schüttelt es. Es schreit noch mehr. Er kneift es und schüttelt es. Haut sich selbst ins Gesicht. Das Baby grinst. Plötzlich schläft es, schläft sich von ihm weg. Die besetzte Wohnung stinkt nach vergammeltem Teppich. Freundin L kommt spät in der Nacht in die Wohnung. Sie rauchen. Er muss das Baby loswerden. Vergangene Woche ist es ihm fast auf die Treppe geknallt. Es entglitt ihm beim Legen in den Kinderwagen.Er konnte es im letzten Moment noch auffangen. Im besetzten Haus, wo die Mutter wohnt, ist ein anderes Baby mit problematischer Elternsituation. Denen ist es auf den Boden geknallt, liegt jetzt im Krankenhaus. Schädeltrauma. In seinem Wahn wird er das Baby noch totschlagen. Es geht nicht mehr. L und er rauchen weiter. Am nächsten Tag bringt er das Baby zurück zur Mutter. Wird nicht mehr mit dem Kleinen in der U-Bahn sitzen. Es mit Spinat füttern, während es ihn von oben bis unten vollspuckt. Ihn nicht mehr baden, die Windeln wechseln, mit ihm von einer Behausung zur nächsten wandern. Er zieht in den Ostteil der Stadt. Noch mehr besetzte Häuser. Die Polizei kommt zur Räumung. Brandsätze fliegen. Er schmeißt einen Stein. Trifft einen Polizisten im Kniegelenk. Der fällt um wie ein abgesägter Baum, die Aktivisten grölen. Abends beim Plenum. Lagerfeuerstimmung, Revolution. Trinken und rauchen. Am nächsten Tag große Räumung mit 5000 Polizisten gegen 500 Aktivisten. Alles aus. L zieht in eine legale Wohnung. Er wohnt in der kleinen Kammer neben der Küche. Sie hören auf Sex miteinander zu haben, alle Lust ist abgestorben. Sie rauchen. Nehmen LSD. Merkwürdige, heruntergekommene, säuerlich riechende Männer kommen zu Besuch. Sie fängt mit Heroin an. Er kann das Zeug nicht leiden, hält ihr den Kotzeimer, weil sie so breit von dem braunen Pulver ist. Sie gehen auf ein Red Hot Chili Peppers Konzert. Schnupfen Heroin. Der Rausch ekelt ihn. In der Wohnung endlich wieder Gras. Sie streiten. Er prügelt sie. Geht weg. Pöbeleien mit Türken. Sie schlagen ihm das Gesicht kaputt. Flüchtet in den Süden des Landes zur Mutter. Der Vater hilft, eine Arbeitstelle zu finden. Arbeit in einer Zeitung in Norddeutschland, am Computer. 2 bis 3 Monate clean. Lernt den bürgerlichen Ablauf des Lebens mit Job. Alpträume vom Baby. L kommt ihn besuchen. Sie haben Geschlechtsverkehr und rauchen. Sie wird schwanger, Abtreibung, kommt noch einmal, wieder Sex, wieder Abtreibung, im Hafenviertel kauft er Dope. Endlich wieder breit. Freund H macht in Ostfriesland den Führerschein. Besucht H. Sie rauchen, schnupfen Speed. Abends in eine Dorfdisco. Voller Friesenfaschos. Die versuchen rauszufinden, ob die Fremden schwul sind. Im Morgengrauen finden sie ein anderes Opfer, beleidigen ihn als Homo, schlagen ihn. H und er wandern durch Vorgärten. H findet eine Hacke. Hackt Rasenanlagen kaputt. Zurück in das normale Leben, ins Büro, hat in Holland 200g Gras gekauft. Fließt von Momenten der Nüchternheit in den Konsum zurück. Besucht in arbeitsfreien Tagen den Rauchfreund T in Bayern. Koma auf dem Sofa. Wieder zur Arbeit. Hin und her, jahrelang. Das Baby wird zum kleinen Jungen. Die Mutter des Jungen stirbt. Der Junge wächst bei der Familie der Mutter auf dem Land auf, proletarisch spießig. Er hat nichts mit den Leuten zu tun. Redet sich ein: Wird schon alles gut mit dem Jungen. Wendet sich ab. Raucht. Ein funktioneller Abhängiger. Geht zur Arbeit, knallt sich zu, wird nüchtern, geht zur Arbeit. Hält es irgendwann nicht mehr aus. Flüchtet nach Spanien, raucht, säuft, schupft und arbeitet.

1.3

In Spanien zieht es ihn zu den Deutschen. Der deutschen Unterhaltung. Der deutschen Bar. Dem deutschen Drogenkonsum. In der Bar Loco hängen sie ab. Trinken. Gehen an die Mole zum rauchen. Nachts bei gehobener Stimmung schnupfen auf der Toilette. Vollgedröhnt zurück in die Einsamkeit der Wohnung. Im Büro internationaler Kundenservice am Telefon. Lernt Engländer kennen. Kampftrinken und Rauchen. Schlafen, Drogen, Arbeit, freie Tage im Ausnüchterungskoma, Depressionen, wieder zu den Deutschen, kurze Verliebtheiten, Bordellbesuche, Internetbeziehungen, Ekel. Selbstaufbau des Egos im Fitnessstudio. Sohn A kommt ab und an auf Sommerferienbesuch. Gespräch über kiffende Klassenkameraden im 15. Jahr des Lebens eines Kindes. Die schlauen Ratschläge des Drogenvaters. Kannst ab und zu mal rauchen, aber lass die Hände von harten Drogen. Sie machen Quatsch, machen sich über alles lustig, aber wirklich geredet wird nichts. Der Vater hält sich schön aus allem raus. Alles positiv zurechtdenken. So ist es einfach und überschaubar. Verantwortung bleib vor der Tür. Darum können sich die Spießer in Deutschland kümmern. Strand, Sonne, Spaß. A ist wieder weg. Sie halten keinen Kontakt außerhalb der Ferien. Zweimal ruft er A in Deutschland an, aber es gibt nicht wirklich was zu sagen. Bis zum nächsten Mal eben. Trotzdem bleibt eine schwarze Leere. Füllen mit Rausch. E und W, die Besitzer von der Loco-Bar, werden eines Tages aus ihrer Kneipe heraus von Interpol festgenommen. Wegen Geldwäsche von Drogengeldern. Nach 2 Monaten kommen sie raus auf Kaution, führen wieder die Bar, aber die gute Stimmung ist kaputt. S und U, die Brüder im großen Drogengeschäft verschwinden. S wird 30 Jahre in Ghana im Straflager sitzen. Beteiligung an Drogengeschäft mit einer Tonne Kokain. U verschwindet bei einer Autofahrt in Frankreich, erwischt mit Drogengeldern. Anruf von T aus Bayern. Freund und Schulkamerad F hat sich abgeschlachtet. Erst Selbstmordversuch mit Föhn in Badewanne. Der Föhn streikt. Strangulation mit Gürtel, Kehlkopf platzt, erstickt am eigenen Blut. Polizei findet große Mengen Cannabis und Psychopharmaka. Bürojob wird unerträglich. Kündigung. Arbeit als Bauhelfer. Sohn kommt zum letzten Besuch nach Spanien. Der unbekannte Sohn. Eine merkwürdige Stille herrscht. Moderates Trinken, rauchen von selbstgepflanztem Gras. Wieder überspielen der mangelnden Kommunikation mit Quatsch. Abschied, für immer.

1.4

Flucht in die Karibik. Leben als Bootshelfer auf einem Segelboot. Rausch mit Rum. Skipper J ist Alkoholiker. Verachtet Konsum von allen anderen Drogen. In der Karibik hängen vor allem deutsche Alkoholikeraußenseiter und Psychopathen ab. Alle, die vor irgendetwas flüchten. Emails an Sohn A. Keine Antwort. Wechsel der Boote. Nach einem Jahr sitzt er mit 10 Dollar und einer Plastiktüte stinkender Wäsche an einem Strand von St. Martin. Heuert auf einem Segelboot nach Europa an. Hängt in Nizza bei irgendwelchen Leuten ab. Geht zurück nach Spanien. Trinkt Jack Daniels, arbeitet auf dem Bau, raucht, fährt besoffen einen Baulastwagen, die Polizei sperrt ihn ein, er flüchtet in ein anderes Land im Norden Europas, um den Führerschein zu behalten. Putzt in dem Land, heiratet eine Alkoholikerin. Telefoniert mit Sohn A. Seine Frau bricht zusammen, Tabletten und Alkohol werden zuviel, beginnende Blindheit, Alkoholdemenz, er raucht, Ultimatum an die Frau zur Drogentherapie, A schreibt durchgeknallte Mitteilungen an das Mobiltelefon des Vaters, er macht sich auf nach Deutschland den Sohn zu sehen, als er ankommt, sitzt der Sohn in der Irrenanstalt, seine Mitbewohnerinnen riefen die Polizei, weil er Selbstmord androhte. Besuch auf der Station, nach 2 Tagen zurück ins andere Land zur Arbeit, tägliches Rauchen, während und nach der Arbeit, der Sohn zieht zur Schwester, weist sich selbst ins Irrenhaus ein, nachdem er wieder draußen ist fasst er Pläne wieder zur Schule zu gehen, ruft an, klagt über das Fehlen von Liebe, 2 Wochen später ist A tot, Selbstmord, springt vom 5. Stock eines Baugerüstes. Flucht auf das gekaufte Segelboot, erneutes Ultimatum an die Frau zur Therapie, Beerdigungsabschied, Streit mit der Familie um das hinterbliebene Geld des Sohnes, Rauchen, Paranoia, Hass auf alle und alles. 3 Jahre lang. Immer Rauchen, Paranoia, Aggression.

1.5

Im Januar bringt sich der Cousin um. 50 Jahre alt. In der Jugend Drogenkonsument. Findet den Ausweg über Arbeit und Disziplin. Seitdem strikt und intolerant gegenüber Menschen mit Konsumverhalten. Sie begegnen sich drei Monate vor der Tat auf einem Familienfest. Cousin wirkt fokussiert, stabil, mit netter Freundin, kümmert sich um den halberwachsenen Sohn aus geschiedener Ehe. Ein Vorbild. Jetzt das. Hatte er einen Rückfall? Zog er Bilanz und betrachtete sich als eine wertlose und verpfuschte Existenz? Beim stellen dieser Fragen Depressionsschübe, Wahnvorstellungen. Er verliert den Halt durch die Droge. Nur eine Entscheidung kann noch helfen: Entzug und Abstinenz. Die Fluchtmöglichkeiten sind ausgereizt. Er steht an der Wand. Der Kopf dröhnt ununterbrochen vom Konsum. Jedes Geräusch, jeder Blick der Menschen schmerzt. Die Nächte vergehen traumlos, totenartig. Die Tage sind grau und hoffnungslos. Auf der Strasse erblickt er Gespenster, alle scheinen ihm ein Messer an den Hals zu halten. Die Emotionen kochen hoch im Hass und in der Paranoia. Machtlos steht er vor den Scherben dieses verpfuschten Drogenlebens.

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