rhizom

Sprossachsensystem, Teil einer Heilpflanze. Ein Organ mit kurzen, verdickten Verbindungen von sich verzweigenden Knoten. An den Knoten Vermehrung der Sprossachsen. In den Sprossachsen Speicherung von Reservestoffen. In der Sprache: vielschichtige, verzweigte, nichthierarchische Verweisung auf Inhalte und deren Interpretation.

 

Sich entwickelnde Sprossachsen des Rhizom:

 

Bayern/Zivildienst/Schule/Ehe Mutter-Stiefvater

Frauen ohne Rücksicht

In der Wohnung (Wolfgang D, Dieselstraße)

Karibik/Spanien

Sucht

Skuglar Tidström/Trips

Russische Revolution und Literatur

Zeitung, Sprache, Philosophie

Ketzerei, Katharer

Mao

Irakkrieg2003/Isis2014

Bus/Orpheus und Europa/Kopenhagen

Migration

 

1.1

 

Schwindelgefühl beim Rumkramen in den alten Notizen. Kaum zu entziffern, das Delirium Skribens. Das 2.Jahrtausend Anno Domini beginnt in den vorausgehenden 80er Jahren. Ein Spaziergang der Seele. Am Schreibtisch sitzend, das spielende Kind, der Junge, der ein halbes Mädchen ist. Dreißig Jahre später, wieder am Schreibtisch. Nach einem tropischen Sommer beginnt ein früher Herbst. Die Luft atmet sich frei. Die Wolken türmen sich, werden plötzlich hinweggefegt von einem blassen Blau orkanartiger Windstärken. Der Baum im Innenhof, der Erlenbaum färbt sich bereits bräunlich. Mitte August. Sich runterdrücken unter die Erinnerung, den Faden finden für eine erzählbare Handlung, wieder Schwindel, ehrlich sein? Tiefer graben. Das Lied finden, das orphische. Angst. Schaukelnder Schwindel. Graben, tiefer graben, das Lied finden, das Lied des Lebens.

In Rosenheim/Oberbayern geistern zwei Schulfreunde durch Einkaufspassagen. Der eine, hoch aufgeschossen mit silbrigen Blick. Der Kleine steht daneben, läuft mit, endlich einmal nicht im Städtchen rumlaufen, ohne ein Gesicht zu haben. Der Große verköstigt sich an einem Schnellimbiss. Currywurst, Curryfrikadelle, Brot, ein Süßgetränk. Der Kleine schaut zu. Kauf dir doch was. Kein Geld. Na dann. Mampft weiter. Sie gucken den jungen Mädchen hinterher, mit grinsenden Jungengesichtern, die keine Ahnung haben. In der Wohnung des Großen, sein Name sei Hans, liegt die kranke Mutter, die Ärztin, im Ärztehaus wohnen sie, der große Junge und die Mutter. Da scheint alles von einer anderen Welt. Elektronik, die der Kleine vom Dorf nicht kennt. Video, Walkman, Kamera, Musikanlage, eine Voliere mit Wellensittichen auf dem Balkon, ein großer Käfig mit einem mächtigen Papageienvogel, der sich stundenlang nicht bewegt. Hans lässt einen weißen Wellensittich in der Wohnung fliegen, wenn er pfeift, kommt der Vogel zu ihm in den Mund geflattert. Die Mutter in der riesigen Wohnung immer verborgen hinter Fluchten von Türen. Ein Geheimnis, wie alle Mütter von ungezogenen Bengeln. In der Ferne, die mächtigen Alpen. Die Kampenwand, die Hochries, der Wendelstein, im achten Stock sieht alles aus, als ob man selbst flöge. Die Wohnstube vollgepackt mit bayerisch, österreichischen Antiquitäten, Hunderte Jahre alt. Ein Sekretär aus dem 16. Jahrhundert, Kreuze, ein kleiner Holzschrein, Heiligenbilder, alles leicht verblasst mit dem Modergeruch vergangener Jahrhunderte. Dazwischen das neueste technische Unterhaltungsgerät. Amerikanische Videos, Gesichter des Todes, Kentucky Fried Movie, Zombiefilme und versteckt eine Pornosammlung. Die wird der Kleine heimlich betrachten, wenn der Große irgendwelche Erledigungen tätigt. Irgendwann wieder Schulalltag, die Kameraden verlieren sich aus den Augen und treffen sich in den Dorfdiscos der Stadt wieder, wenn sie etwas älter, aber genauso naiv geblieben sind, wie damals beim Gang durch die Stadt. Fahren zusammen mit dem Rad in die Toscana, zwei Mädchen besuchen. Nachts im Zelt quälen den Kleinen Alpträume. Manchmal schreckt er halb schreiend hoch. Die Orientierung fehlt. Im Niemandsland des Niemandsmenschen. Tagsüber machen sie faxen auf den gestrampelten Rädern. Besuchen die Mädchen im toscanischen Eigenheim der Eltern eines der Mädchen. Nachts bläst ein Unwetter, aber die Jungs dürfen nicht ins Haus. Der Besuch ein Fiasco. Klassenunterschied. Wie zwei Lumpen kommen sie an und ziehen als Lumpen wieder ab. Am Ende fahren sie ein kurzes Stück mit dem Zug. Und sehen sich lange Zeit wieder nicht. Dem Hans stirbt die Mutter nach langer Krankheit. Er schafft das Abitur nicht, geht auf eine Privatschule, will Film studieren, aber schafft es einfach nicht. Verpackt Joghurtbecher in der Joghurtfabrik, schmeißt Pakete in der Post, trinkt, schluckt Beruhigungspillen, riecht immer leicht säuerlich, verliebt sich in ein Mädchen, die ihn nicht wirklich will. Raucht Hasch. Wird psychotisch. Entsorgt sich selbst. Der Kleine ist in Spanien, kommt nicht zur Beerdigung nach Bayern, hält ein Foto und eine Todesanzeige von den anderen Schulkameraden aufgegeben, darunter auch sein Name, in der Hand. Am Telefon wird ihm die Einsamkeit des Hans erzählt. Anruf beim Vater in Südafrika. Wir kennen Sie nicht. Die Geliebte im Ständchen mit einem anderen. Verlust der Arbeit. Ich bringe ich mich um. Und tut es.

 

Da war ein See. Der hieß Hochstrassersee. Schwimmt stundenlang mit Taucherbrille im sandigen Schlammwasser. Tausende von Kreaturen kommen ihm entgegen. Rote, orangefarbene, braune Fischchen in Schwärmen. Insekten laufen über das Wasser. Ein einziger Rausch dieser Tauchgang, von dem er nicht lassen kann. Die Sonne sticht ihm ins Hirn. Drei Tage liegt er im Koma und träumt nur von Fischen und Wasser. Und sitzt am Schreibtisch in seinem Kinderzimmer im Haus der Mutter und des Stiefvaters. Guckt auf die Hochries. Kann die Gondel sehen, die stündlich auf und abfahren. Sieht den schneebedeckten Hut des Berges. Dahinter türmen sich die Gebirge des Kaiserlandes. Kahl in Granit. Und träumt von Wasser und vom Haus als ein stampfendes Schiff. Und im Steuerhaus sitzt er, der Kapitän der sieben Meere, die er nicht kennt.

 

1.2

 

Am 5. Dezember 1993 ist es geschehen. Die aufgeschlagene TV Zeitung sagt es. Das Programm war zumindest nicht so aufregend, als dass man hätte, Abschied nehmen müssen. Wolfgang aber hat sich verabschiedet. Und keiner hat es gemerkt. 1993/94 war ein berüchtigter Eiswinter. Ein philippinischer Vulkan spuckte Asche und in Europa wurde es bitterkalt. In Wolfgangs Einerzimmer Wohnung flackerte fröhlich die Weihnachtsbeleuchtung. Wie jedes Jahr. Und sie würde es fünf lange weitere Jahre tun. Alles wird automatisch und pünktlich bezahlt. Von der Mutter. Die hat Angst vor ihrem absonderlichen Spross. Und um der lieben Ruhe willen kommt der Scheck zur Wohngenossenschaft, der Freund der Mutter fummelt Strom und Nebenkostenrechnung aus dem Briefkasten des Sonderlings. Dieselstraße 56, Erdgeschoss links. Eine lange Wohnstraße, einseitig bebaut. Von seiner Wohnung blickt die flackernde Weihnachtsbeleuchtung auf warmgrüne Kleingartenanlagen. Backsteinromantik begrünte Hinterhöfe, nicht schlecht zu wohnen, aber immer alleine?

 

1.3

 

Erscheint im Traum. Spricht wirklich. Eine Repräsentation aller wichtigen Frauen. Frauen, die großen Manipuliererinnen. Die vor nichts haltmachen, nicht einmal vor sich selbst. Im Koma enden. Im Koma leben. Koma der Manipulation. Wir, wir lieben, eure Manipulation, wie könnten wir leben ohne eure Manipulation, gibt uns Begründung für unser eigens Verhalten. Desiree haucht mir ins Ohr: Ich will ein Geheimnis sein. Ihr Geheimnis: Den Trompeter mit zarter Hand am Innufer befriedigen, ihr Bücherregal, gefüllt mit Büchern, die sie nie lesen wird. Geheimnisvolle Symbole eines Wissens von?. nichts. Aber so hingeschrieben, klingt es wie eine böse Abrechnung, ist es aber gar nicht. Ich fühle das erste Mal in meinem Leben eine Zärtlichkeit zu den Frauen, damals verstand ich nicht, heute sehe ich diese Art von Kompromisslosigkeit der Täuschung, die sich selbst nicht ausnimmt, die Frau, die das Leben, die Lust sucht und nur Zuchthäuser findet und wir, die Schwänze, die zitternden, spritzenden, stöhnenden, grunzenden, gierigen, sind die Zuchtmeister, denke nur, im 21.Jahrhundert verdient die Frau in der Regel immer noch weniger als der Mann für die gleiche Arbeit. Kann man da nicht gierig werden nach der Lust etwas Verheißungsvolles, Geheimnisvolles zu sein? Die Traumgestalt spricht weiter. Will ehrlich sein. In jedem Moment, wo ich hatte, was ich wollte, starb mein Begehren und mein Interesse. Guckte schon nach was Neuem. Kommt der Sex mit Männern, der Gruppensex, der Pornosex. Das Zittern der Männer, wenn sie kommen. In dem Moment, wo ich die ganze Erregung eines Mannes in mir spüre, den ich nicht ganz haben kann. Ich weiß, dass er irgendwann gehen wird, ich spüre den Orgasmus bis in die Zähne kommen. Der kleine Tod. In Berlin, Peer, der groß gewachsene Kellner. Der schon die Koffer nach London gepackt hat, vollkommene Hingabe, Eifersucht und weg. Alltag. Aufwachsen auf dem Land, mein erster Freund, den ich ein Jahr lang versuchte zu bekommen und als ich ihn hatte, war er mir vollkommen egal. Der Fabrikbesitzersohn, der Student und Kampfsportler, dann der Polizist, der Bauarbeiter, alle fressen mir aus der Hand. Vögeln, wie die Geisteskranken. Der Student zieht nach Berlin, ein Kind. Ich will mich und das Kind umbringen, ziehe ihm hinterher. Alles wird wieder gleichgültig, der Student langweilt mich und wir streiten ständig. Das Kind erweicht mein Herz, diese schwammartige Liebesaufnahmefähigkeit, Hilflosigkeit, Unmittelbarkeit. Monotonie des Alltags. Mutterrolle wird auch eine Manipulationsrolle gegen die Männerwelt. Niemandswelt. Jedermannwelt. Sozialismus. Anarchie. Besetztes Haus. Randale. Manipulation der bürgerlichen Welt. Und die Zuchtmeister züchtigen mich. Ich werde richtig böse. Das Spiel bezahlen die Kinder, die schwächsten von ihnen. Hab inzwischen drei davon, sitze wieder bei Mama und Papa auf dem Land. Da hat mich der Ödipus wieder am Genick gepackt, schüttelt mich durch, bis ich keinen Mucks mehr mache und tot bin. Ich komm unters Messer, um mich kastrieren zu lassen und wer versaut mich im letzten Moment. Ein anderer Meister der Manipulation, eine Ärztin. Wusste Ichs schon mit 15, dass so was passiert. Hab es auch jedem erzählt, hat alle noch ein wenig gefügiger gemacht. Mich noch ein wenig geheimnisvoller. Schön war es am Schluss wirklich nicht mehr, dieses schreiende und scheißende Wachkoma. Gut, dass mich die Luftblase erlöste. Sie hat mir gesagt, sie wollte es nicht anders. Sie selbst hat ihr Spiel durchschaut. Weil ich nicht mitmachte, weil ich einfach zu verliebt in meine eigene Geilheit auf das Leben war, weil wir fast Geschwister des Lebens waren. Aber das konnte die nachfolgende Gesellschaft nicht verstehen.

1.4

Sitzt der Qualtinger 1986 in unserer Küche und hält beim Weißwein endlose Monologe über den Nestroy. Trinkt und trinkt, schwatzt ohne Unterlass. Wir, die Hörigen, lauschen diesem bärtigen Jungengesicht in fortgeschrittenem Alter mit offenen Mündern. Sein Pianist, der Musikprofessor Hans Kann, schüttelt im Hintergrund mit herablassender Miene den Kopf. Müde des endlosen Geschwafels des Künstlerfreundes. Er hat ihn jeden Tag, diesen Sermon der Klugheit und findet nichts mehr an brennenden Iglus. Es ist später Abend nach ihrem Auftritt in der Stadthalle unserer kleinen Stadt. Am nächsten Tag ziehen sie weiter auf ihrer kleinen Nestroy-Tournee durch das oberbayerische und österreichische Land. Der Qualtinger hinterlässt meiner Mutter einen signierten Band. Ein Jahr später stirbt er an Leberzirrhose. Später kommt Chet Baker in unsere Stadt. Eine zerbrochene, ausgemergelte Vogelscheuche, auf einem jämmerlichen Klappstuhl sitzend vor dem versammelten Landpublikum. Haucht seine letzten Züge in das Blechding. Auf einmal hören wir Engelstöne, Liebesgesänge, orphische Träume, er legt die Trompete weg, singt, noch zarter. Noch unwirklicher, wie in Trance verlassen die Leute die Stadthalle. 2 Wochen später fällt Chet Baker rücklings aus einem Haus in Amsterdam nach Konsum eines Speedballs (Mischung aus Heroin und Kokain). 25 Jahre später höre ich in der Oper von Kopenhagen neben meiner schnarchenden Frau Joe Zawinul. Eigentlich will ich Jaco Pastorius hören will. Der Joe erliegt einen Monat nach dem Konzert seinem Krebsleiden. Und ich gehe ich auf kein Konzert mehr.

Rhizome

schreib-maschinen, miteinander verkabelt, die worte entdecken. sporenpilze. ein traum. eine vision. sprechendes schweigen. immer verbunden. einsamkeit. das rauschen der zeit entschleunigen. ewigkeit. moment. körper-liebe. gedanken-spritualität. heraustreten in das nichts.

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