Karibik_letzter_Teil

8.April

Seit 5 Tagen in St.Martin. Der Segeltörn war eine Achterbahnfahrt. Vor Beginn der Fahrt Streit mit körperlicher Eskalation, packt mich am Hals, streckt die Faust. Hassgefühle im stetigen Wechsel mit Abgestumpftheit, Gleichgültigkeit. In der Nacht vor Ankunft in St.Martin alleine segeln bei kräftigem Wind, während der ehemalige Staatssicherheit Personenschützer seinen Schönheitsschlaf hält. Der Grünling am Steuerrad. Wallkürensritt. Für einen Moment bläst der Wind den Hass, die Einsamkeit, den Stumpfsinn weg. Verschmelzen mit dem Schiff. Ekstase gemischt mit einem Hauch Angst und großer Ehrfurcht vor den Naturelementen.

Auf der Überfahrt belästigen wir 2mal andere Segelboote, um in den nächsten Hafen geschleppt zu werden. 9 Tage dauert diese Segeltour für Arme. Einen Tag vor der Ankunft fangen wir einen kleinen Thunfisch, Bonito genannt. Metzelei auf Deck, bis das Tier tot ist. Erschlagen mit Knüppel und Pfanne. Schmeckt überirdisch frisch und lecker. Unglaubliche Geschmacksorgie.

Als wir die Anker setzen in Phillipsburg an dem holländischen Teil der kleinen Insel, streiten wir wieder. Er will mich unter Druck setzten, damit ich losgehe und erfolgreich die Bilder von Pablo verkaufe. H. kennt nur zwei Spiele: das überfreundliche Spiel des Anbiederns mit breitem Grinsen oder die psychologische Fertigmach-Nummer. Der Wille dahinter heißt Manipulation. Muss wohl eine Folge des sozialistischen Gesellschaftsdenkens sein. Alle bekommen das Gleiche, und weil man nicht will, was alle wollen, sondern das Besondere muss der Mensch manipulieren. Ob Marx auch nur manipulieren wollte. All das Denken um bessere Bedingungen in der Gesellschaft war nur eine Manipulation? Um selbst besser weg zukommen? Oder ist es einfach nur das deutsche Wesen?

Am deutschen Wesen soll die Welt genesen

Gott beschützte mich vor Sturm und Wind
und allen Scheißdeutschen
Die im Ausland sind

Ich finde eine Galerie in Marigot auf dem französischen Teil der Insel. Begeisterung über die großen Unterwasserbilder des venezolanischen Malers. So verdienen wir 700 Dollar, die der verantwortungsvolle Kapitän verschleudert für: ein überteuertes Mobiltelefon (250 Dollar). Einen Aktenkoffer mit Sicherheitsschloss für nicht vorhandene Akten, gekauft mit der Begründung, das sehe professionell aus (150 Dollar). Diverse neue Kleidungsstücke für den Kapitän (100 Dollar). Alkoholische und zuckerhaltige Genusswaren für ungefähr den Rest des Geldes. Am Ende von 4 Tagen stehen wir wieder ohne Geld und ohne etwas zu essen da. Ich erkenne mich selbst. Mein Geldverhalten in der Vergangenheit, als ich gut bezahlte Berufe hatte. Alles wurde verschleudert. Mit letzter Gewalt suchte ich mir Kaufreize zu verschaffen. Eine Begründung die Stumpfheit der Büroarbeit zu ertragen.

Angenehme Wirkung hat die französische Sprache, die ich hören und sprechen kann. Man fühlt sich kultivierter, selbst im Angesicht der eigenen Erbärmlichkeit. Am Abend des ersten Bilderverkaufes, Besäufnis. Eine Art Flower-Power Bar. Ein junger musikalischer Alleinunterhalter spielt Neil Young. Erste Wiederbegegnung mit Musik. Erinnerungen an die Zeit als Bassgitarrist in der Unterhaltungsband „The Tide“ in Gibraltar. Magisch. Junge Leute tanzen, Harmonie, unaufdringlich. Völlig besoffen, H, die nächsten Tage ist er krank. Gedämpft, konsumiert Schmerzmittel, schläft den ganzen Tag. Herrliche Ruhe, lesen, auf Deck sitzen. Die tropische Luft, das Spiel der riesigen Wolkengebilde, der blauen, rötlichen Lichtspiele am Himmel, im Wasser genießend. Die Hunde kacken das ganze Boot voll, reiße Seiten aus dem Tagebuch um den Kot zu entsorgen. Bin wohl jetzt an die 800 Seemeilen gesegelt, das ist mit Verlaub gar nichts.

14.April

Die letzten Bilder verkauft. Aber die Preise werden immer miserabler. Erst stehe ich in Phillipsburg stundenlang in der Meile für Kreuzfahrttouristen. Fette Amerikaner gehen an mir vorbei. Ich stehe und sage nichts. Die Touristen sehen an mir und den Bildern vorbei. Spaziere um die ganze Insel, finde eine kleine Galerie. Die kauft ein schönes Papageienbild für 20 Dollar, in der französischen Galerie in Marigot weisen sie mich erst ab, kaufen dann aber doch drei Bilder. Zurück auf dem Boot wird das Geld innerhalb von 3 Tagen verprasst. All das Gerede von Motorreparation und Bootsverkauf. All die Träumereien von Brasilien. Wird alles innerhalb von nicht einmal einer Woche in die See gespült, was soll man mit so einem Menschen anfangen. Heimlich zweige ich ein paar Dollar ab, bereite den Abgang vor. Träume komatös, kann mich nicht erinnern, aber ein Geschmack von Ekel bleibt. Das verzogene Einzelkind (ich!).

10.05.06

Am Strand. Nachts. Sternklare, dampfend warme Unendlichkeit. Tausendfüßler Angriff. Grabe einen Graben im Sand um meine Schlafstelle als Schutz vor den beissenden Tieren. Vom Boot gegangen. Motzt vulgär, sein hässliches, primitives Pöbelgesicht, ungewaschen, seine stinkenden Füße, das Boot voller Kakerlaken, zugeschissen von den Hunden. Ich gehe. 10 Dollar in der Tasche, keine Hoffnung, nur weg. Schluss mit der Träumerei von einem Leben, das nie stattfindet, Schluss mit der Lügerei, es sind Dinge zu regeln. Ich muss zurück nach Europa!

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